GM-Kolumne

KOLUMNE: Kulturlandschaft Fränkischer Weinberg

Kulturlandschaft Franken – Der Weinberg (Wengert)

Wir wohnen nur eine Kirschkernspuckweite von zwei sehr bekannten Würzburger Weingütern entfernt, die die fränkische Weinkulturlandschaft konventionell hegen und pflegen. Die meisten Menschen, die uns besuchen sind erst einmal von der vermeindlichen Idylle begeistert. Ein schöner Garten, alles grün – das ist bis hierhin in Ordnung, denn der wird sogar biozertifiziert bewirtschaftet – und so toll direkt am Hang des Weinberges.

Schön ist er anzusehen, der Weinberg, wenn er in vollem Grün steht und dazwischen sogar ein paar Alibi-Blümlein wachsen. Dank moderner Technik wird ja auch gezielter gespritzt. „Gift vor Hacke“, das ist das Motto, kostet der Mensch doch so viel und ist außerdem nicht so zuverlässig. Spätestens im Frühjahr erhalten die Rebenzeilen ein zusätzliches Streifenmuster, welches sehr bald den Farbton verdorrten Grases annimmt. Aber es gehen ja nur die direkt dem Spritznebel ausgesetzten Pflänzchen ein, Tieren macht es bestimmt nicht aus…

Außerdem bleibt das Gespritzte nur im Weinberg – komisch, dass ich das Zeug aber länger rieche. Und wenn es in meinem Riechkolben zu einer olfaktorischen Reaktion kommt, so muss doch das eine oder andere Molekül dieser lebensvernichtenden Brühe in meiner Umgebung sein. Ob Garten oder Wohnung, ich habe es dort nicht hin bestellt, aber auch keine Handhabe, es zu vermeiden.

Gespritzt wird von dem einen „Verein“ grundsätzlich vorsorglich und was möglich ist, wogegen das Nachbarweingut nur mit dem Nötigsten auskommt. So alle zwei Tage sehen wir in der Vegetationsperiode die Schmalspurtrecker und ab und an auch Menschen im Wengert. Halb so schlimm heißt es von offizieller Stelle, alles getestet, genehmigt und für bestens befunden.

Da tut die organische Düngung doch gut, so ganz ohne Schadstoffe und direkt aus dem Kompostwerk. Ich möchte nicht wissen, was da so alles antransportiert wird. Wir bekommen dies spätestens dann mit, wenn der süß-säuerliche Geruch tagelang als Glocke über uns schwebt. Zuvor ausgehend von einer Kompostmiete, die in der Nähe angelegt wird, später fein verteilt und tagelang nicht eingearbeitet zwischen den Reben.

Sehr bald werden im Jahresverlauf die mehrfachen Traktor-Rallyes zwischen den zwei Massen-Weinproduzenten ausgetragen, deren Sonderdisziplinen vom punktgenauem Einsatz der Spritzbrühen, über das lauteste Grubbern (ja, es hebt einen schon mal sehr früh aus den Federn), bis hin zum schnellsten Rebenschnitt sind. Vielleicht gibt es noch Sonderpunkte, wenn man das Gift-Cocktail bei kräftigem Wind einsetzt und man die Nebelschwaden ziehen sieht, obwohl es laut Statuten nicht erwünscht ist, oder es so zeitlich geschickt terminiert wird, dass die Hunde-Gassi-Geher davon nicht behelligt werden. Anscheinend ist es denen eh Wurst mit ihren Vierbeinern im mit totenkopfgekennzeichnetem und chemisch aromatisiertem Wasser frisch benetzten Weinberg umher zu streifen, hat es doch den Vorteil, dass weder Frauchen, Herrchen oder die Hundchen von den bösen Zecken befallen werden. Denen hat man ja schon vorher den Odem ausgehaucht.

Wenn dann noch die osteuropäischen Helfer mit ihrer Herzlichkeit – manchmal kurz nach dem Spritzen – bei fröhlichem Gelächter und lautstarker Unterhaltung ihre Arbeit verrichten, wähnt man sich in alten Zeiten der Handarbeit.

Und dann entlockt es einem ein Schmunzeln, wenn der Traktorfahrer gemütlich in seinem klimatisierten Glaskästchen hin und her schaukelt und sein T-Shirt mit der Aufschrift „Bier-Körper“ auf der prallen Wampe präsentiert. Also wenn schon denn schon, auch noch für die Gegenpartei Werbung machen. Es wäre doch besser den bekannten Spruch zu präsentieren: „Frankenwein ist Krankenwein“, bezogen auf den konventionell produzierten Rebensaft. D.h. beim Genuss des entsprechenden Rebensaftes wird einem dieser gesundheitlich nicht zuträglich sein? Nein, früher war es wirklich so, dass im Spital jeder Kranke seinen täglichen Schoppen bekam.

Nun, angesichts der vielen Weinfeste, bei denen das Billig-Gesöff das Gemüt des Fest-Genießers verzückt, bleibt es erst einmal beim „Haarwurzel-Katarr“, vielleicht etwas Übelkeit, aber das ist ja normal ab einem gewissen Pegel.

Es wird schnell klar, dass sehr billig und in unvorstellbar riesigen Mengen produziert werden muss, will die Meute mit dem Traditionsgetränk versorgt werden. Würde das Bewusstsein des Genießers so weit gediehen sein, einen guten Tropfen zu wertschätzen, gäbe es definitiv mehr hochwertigere Weine auf dem Markt und weniger Stockbesoffene. Es macht halt leider doch keinen großen Unterschied, einen Rausch mit Billigfusel oder einem Klasse-Wein zu erzeugen. Nur, einen etwas teureren Wein wieder rückwärts zu trinken, das würde sich mancher überlegen. Folglich bliebe der bewusste Genuss moderat – so zumindest die Theorie.

Aber, das ist es! Vielleicht sollten wir uns unsere Umgebung schön saufen. Finanztechnisch wäre das kein Problem. Und unseren Gästen bieten wir den Wein aus der Nachbarrebe an, damit sie die geschmackliche Korrespondenz zur Fränkischen Kulturlandschaft Weinberg haben.

Jetzt wollen wir aber mal nicht so pessimistisch sein. Es gibt da noch den goldenen Herbst mit seiner historisch anmutenden Weinlese. Historisch deshalb, alldieweil der Einsatz eines Vollernter-Monstrums, das die Träubel mit Gewalt herunter schüttelt, bei uns nicht eingesetzt werden kann. Nein, auch ein Deutscher darf da nicht an die Trauben, die sind zu teuer, oder die Arbeit ist ihnen zu beschwerlich. Lassen wir es wieder unsere Landesnachbarn machen, so der Tenor eines Verantwortlichen, die sind froh um jeden Euro.

Und so endet die Rebensaison mit einem Aufgebot an fleißigen Schnitterinnen und Schnittern, begleitet von einigen Schüssen aus der Schreckschusspistole, deren Knall die Vögel vom Genuss des gesunden, von bösen Krankheitskeimen verschontem Obstes abhalten sollen. Einen aufgeschreckten Vogel habe ich noch nie gesehen, höchstens eine meckernde Krähe, bei der man das Grinsen im Gesicht (soweit es bei einem Vogel eben geht) erahnen kann. Außerdem ist die Tiervielfalt in der konventionell, technisch-industriell und chemisch bewirtschafteten Kulturlandschaft sehr bescheiden. Es gibt viele Unterlagen, die belegen, dass sich kaum ein Tierchen darin noch wohl fühlt. Nur keine Kompromisse eingehen und etwas Verlust akzeptieren. Recht so, bleibt´s den armen Weingütern… Danke Franken!

Übrigens, es gibt da noch ein paar „Grüne Spinner“, die zeigen, dass es auch anders geht: Tier- und Pflanzenvielfalt im Weingarten, moderate Bewirtschaftung, biologischer Pflanzenschutz und Weine, die einen eigenen Charakter besitzen.

Geht doch!

Copyright 2014 Thomas Luciow

One thought on “KOLUMNE: Kulturlandschaft Fränkischer Weinberg

  1. ich habe anfang juni eine radtour am main entlang gemacht. abgesehen von dem oft langweilig geführten weg, den entvölkerten dörfern und dem überwiegenden fehlen gastronomischer einrichtungen ist mir an jedem weinberg regelmässig schlecht geworden von dem üblen geruch, der überall in der luft hängt. ist das normal? gibt es dafür eine erklärung, daß die bewohner vor ort ihre eigene umgebung so kaputt machen? ich werde so eine tour niemals wieder machen und kann sie auch niemandem empfehlen!
    danke für den artikel
    gruss
    jan montag

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