GM-Kolumne

Gemüse-Schein

Kolumne von Thomas Luciow

Wir hatten, es war im Juni, wunderschön anzusehendes Gemüse geschenkt bekommen und damit es nicht verdirbt, wollten wir es gleich am Abend zubereiten. Es war warm, weshalb es ein leichtes Gericht sein sollte. Wir entschieden uns für Schellfisch auf einem Gemüse-Kräuterbett.

Das Gemüse bestand aus zwei kleinen knackig grünen Zucchinis, einer großen prallen roten Paprika, einer lila-glänzenden Aubergine und ein paar roten, saftigen Tomaten. Kein Pünktchen war auf dem Gemüse zu sehen, kein Schorf, nichts, was das Auge irritieren könnte.
Die Vorstellung vom Abendessen ließ uns schon bei der Vor- und Zubereitung das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Echte Paprika

Sabine, die gerne das Mise en Place macht, putzte und schnitt das makellose Gemüse in mundgerechtete Stücke. Dazu noch zwei Zwiebeln grob gewürfelt, drei Zehen Knoblauch.

Alles zusammen im Topf andünsten, der zuvor mit etwas Olivenöl balsamiert wurde. Ablöschen mit einem Schluck Weißwein und etwas Brühe.
Einige Kräuter gaben dem Ganzen die aromatische Abrundung – mehr braucht es bei guten Gemüse nicht. Das Gemüse solang garen, dass es zwar weich ist, aber noch guten Biss hat.

Den Schellfisch habe ich mit unserer Fischwürzpaste und einem Klecks Kräutermelange, sowie einer Prise Salz bedacht und in einem 50/50-Verhältnis von Olivenöl und Ghee (Butterschmalz) bei dezenter Hitze herausgebraten.

Begleitet hat uns ein fränkischer Riesling aus unserer Ecke.

Endlich, das Essen war fertig und wir begaben uns an den gedeckten Tisch.
Ooouh, wie das duftet. Trotzdem haben wir uns noch die Zeit genommen, den Teller augengefällig zu bestücken.

Und dann die erste Gabel Gemüse…
Mmmmh – nein Hmmm???
„Sag mal Sabine“ sagte ich, „habe ich etwas an meinen Geschmacknerven oder schmecke ich nichts?“

Sabine verzog ebenfalls die Miene und bestätigte mir, dass es nichts zu schmecken gab – außer den Zwiebelchen und den Kräutern.
Dann der Fisch. Zögerlich probierte ich den Fisch und – himmlisch! Der schmeckt schon mal. Sicherheitshalber noch den Riesling probiert und – schmeckt auch.
Also kann es nicht an unseren Geschmacksrezeptoren liegen, sondern am Gemüse.
Beim Recherchieren bekamen wir heraus, dass das Gemüse im Glashaus gezogen wurde, was für sich ja nichts bedeuten muss. Aber, die Pflanzen haben keinen natürlichen Boden gesehen, denn sie wachsen auf einem Kokossubstrat, das in computergesteuerten Intervallen mit einem durch permanenter Nährstoffanalysen optimierten „Gießwasser“ gespült wird.

Tja, der Computer weiß vieles, aber nicht, was die Pflanze braucht, um auch zu schmecken.

Das heißt, dass es inzwischen auch in unserem Lande weitverbreitete Wasseraufblasgemüsefarmen gibt, nicht nur in Holland.
An diesem Abend waren wir ernährungsphysiologisch sehr unbefriedigt. Damit wir das Nicht-Geschmackstraum bald überwinden, haben wir für den nächsten Tag ebenfalls ein Rezept mit eben diesen Gemüsen geplant, das wir mit ein paar Kartöffelchen auf dem Blech im Ofen zubereiteten.

Der große Unterschied: Das Gemüse stammt von einen Biolandbetrieb. Danke an Iris, Lorenz, Bärbel, Dieter, David & Co., die in Gewächshaus- und Freilandkultur ein solch schmackhaftes Gemüse (und Salate) produzieren, dass man nicht verstehen kann, wie das oben genannte, geschmacklich desaströses, Gemüse überhaupt Anklang und Gefallen beim Verbraucher finden kann.
Wir konnten jedenfalls jedes Gemüse geschmacklich identifizieren, was locker einer Blindverkostung standgehalten hätte. Hmmmmh!

Tomaten die in der Erde wachsen dürfen

Nun ist mir auch klar, dass es bei diesem pflanzlichen Wasserbehältnis viel Würzmittel oder Soßen braucht, um überhaupt etwas zu schmecken. Wie soll den Kindern der Genuss von Gemüse – und auch Salaten – beigebracht werden, wenn sie nicht wissen, was sie schmecken sollen? Bzw. dass sie wissen, dass es nach etwas schmeckt.
Die Kids und einige Erwachsene sind erst einmal geschmacklich überfordert, wenn sie statt Wasser-Gemüse Schmeck-Gemüse vorgesetzt bekommen.

„Igitt, wie schmeckt denn das?“, ist häufig eine erste Reaktion.
Wenn man dann allerdings die geschmackliche und sortenreiche Vielfalt von gutem Gemüse entdeckt, öffnet sich eine Türe ins Gourmet-Paradies.

Übrigens, dieses Thema lässt sich auf ALLE Lebensmittel projizieren. Es ist und bleibt für mich ein riesengroßer Unterschied, ob man konventionelle Lebensmittel zu sich nimmt, oder biologisch angebaute. Von der namenlosen Massenware ganz zu schweigen, die es leider auch im Bio-Bereich gibt. Genauso gibt es aber auch im konventionellen Bereich Ausnahmen von der Regel – aber da muss man schon angestrengter suchen und den Mut haben, zu hinterfragen.

Tja, so ist unsere Welt, in der der äußere Schein recht oft trügt und die, die ehrlich und respektvoll mit Mensch, Tier und Natur im Kleinen arbeiten, nur unter erschwerten Bedingungen existieren können.
Es bewahrheitet sich der Spruch: Du bist, was du isst!

Euer Kochdruide Thomasix

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