Frauenstolz – ein unanständiges Gerät?

Frauenstolz Konservierer
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Frauenstolz – ein unanständiges Gerät?

Durch Zufall bekamen wir eine längliche Schachtel in die Finger, als wir einen Hausstand auflösten. Das Schächtelchen ist knapp 25 cm lang, sowie 6 cm lang und tief. Darin verbirgt sich ein sogenannter “Frauenstolz”. Eine Garnitur kplt. für damals 28,90 DM (Deutsche Mark).

Ups, denken wir uns, was mag da für ein unanständiges Ding drin sein, das Frauen stolz macht.
Naja, es heißt ja nicht Frauen-Glück…

Mutig wurde die Verpackung geöffnet und zum Vorschein kam – ein Gerät mit orangenem Ballon, daran ein Messingröhrchen mit seltsam geformter Spitze und über dem Röhrchen eine blaue Holzkugel mit ca. 3 cm Durchmesser.
Yessss, ein Klistier!?
Also so ein Teil, das man nimmt, wenn die Verdauung stockt und man rückwärtig dem Ganzen wieder Bewegung schaffen möchte.

Aber mitnichten, die Erleuchtung kam mit der Durchsicht der Bedienungsanleitung.

Frauenstolz ist ein Konservierungsapparat!
Also für Einmachgläser und so… aus den 80er- und 90er-Jahren.
Sprich, die Frau, die den Haushalt schmeißt, wird stolz durch das Ergebnis und das leichte Handling.

Frauenstolz – Das Prinzip ist relativ einfach:

Die Spitze des Klistiers, äh, des Konservierungsgerätes wird in hochprozentigen Alkohol (96 %) getaucht.
Anschließend wird diese an einer Flamme entzündet und in das vorbereitete Glas, sei es mit Gummi, oder Twist-off-Deckel, gesteckt. Der Deckel muss dabei schon weitgehend aufliegen.
Durch kräftigen impulsartigen Druck auf den Ballon wird der restliche Alkohol nach vorne ins Glas zerstäubt, es gibt im Glas eine kleine Verpuffung und somit Temperaturerhöhung. Der Deckel muss sofort fest aufgelegt oder verschraubt werden, denn durch das vorher genannte Prozedere entsteht bei der Abkühlung ein Unterdruck, der gewünscht ist.
Es ist selbstredend, dass das Füllgut vorher entsprechend zubereitet, gegart und heiß abgefüllt werden muss.
Der Schritt, der dadurch wegfällt, ist das erneute Einkochen, um die eigentliche Konservierung abzuschließen.

Kaltverschluss zur Frischhaltung

Interessant ist, dass diese Methode auch für den Kaltverschluss geeignet ist.
Ob dies lt. Anleitung Zitronen, mit Salz vermischte Petersilie, Käse, Suppen, Butter, Speisereste, Gebäck und einiges mehr ist, ist das passende Einkochglas gefunden, kann auch schon “…jederzeit in Sekunden irgendetwas verschlossen werden, was sonst durch Sauerstoff und Lufteinfluss leicht verderblich ist”.
Auch angebrochene Gläser können mit dieser Apparatur wieder verschlossen werden.

Diese Hinweise sollte man heute in einer Gebrauchsanweisung verewigen:

Wortlaut – Zitat:
…Sollte bitte dennoch etwas nicht funktioniert haben, so suchen Sie den Fehler bitte bei sich selbst.
Unser Frauenstolz-Konservierer arbeitet einwandfrei, das beweisen laufend seit Jahren eingehende Dankschreiben und Nachbestellungen!

Oder ein Beileger zur Bestellung:
Wortlaut – Zitat:
…Wenn Ihnen etwas unklar sein sollte, so lesen Sie bitte nochmals unsere einwandfreie Gebrauchsanweisung durch.
Wir wünschen Ihnen gutes Gelingen.

Also wenn das die “verehrte Hausfrau” nicht stolz macht…

Happy cooking!
Eine gute Zeit wünschen Euch

Sabine & Thomas
aus der Genießermanufactur

Frauenstolz - ein unanständiges Gerät?

4 thoughts on “Frauenstolz – ein unanständiges Gerät?

  1. Ja, ist ein interesanntes altes Hilfsmittel für die Küche, bei dem aber letztlich auch nur physikalische Gesetze zu einem praktischen Nutzen umgesetz werden, so wie ganz allgemein beim “einmachen”. Trotzdem muss ich sagen, wenn man weiß wie es geht, es richtig macht, dann lässt sich alles, absolut alles, auch ohne solche Hilfsmittel, in raffiniertester Art und Weise (was die Grundstoffe, Zutaten, die Gewürze angeht) in “alten” Schraubgläsern zuverlässig einmachen. Ich habe noch heute etliche Kellerregale von oben bis unten voll mit exotischsten und raffiniert eingemachten Sauerkirschen, Zwetschgen, Pflaumen, Renekloden (kennt heute kaum noch einer), Trauben!, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Karotten, Zwiebeln und vielen Gewürzen, alles aus meinem Garten, hier in Würzburg. Alles ist, mit allen Zutaten die drin sind, beschrieben und datiert, viele Gläser noch aus dem Jahr 2000. Vieles wurde von mir auch mit dem Gedanken “Mal sehen was draus wird, wie das in 10 Jahren schmeckt”, eingemacht. Mittlerweile sind´s oft ein paar (viele) Jährchen mehr geworden, denn ich hab sehr viel mehr eingemacht als ich je verbrauchen konnte. Da war aber noch nie (NIE) ein (1) einziges Glas dessen Inhalt verdorben gewesen wäre. Die einzige Gefahr die sich über die Jahre gezeigt hat ist, daß ein Deckel wegen Rost undicht werden könnte. All das war ich über die Jahre irgendwann geöffnet und verbraucht habe hält sich auch nach der Öffnung noch über viele Wochen im Kühlschrank.

    Ach so – ja, ich bin ein Mann, und brauch(te) keinen “Frauenstolz”, nur das “Know-How” wie es gemacht werden muss, und das kam mal, vor vielen Jahren, von Mutter und Großmutter.

    Ich hab auch, bis vor wenigen Jahren, jedes Jahr bis zu 500kg Süßkirschen verschiedener Sorten von meinen Bäumen geholt, alles völlig ungespritzt. Das waren alte Sorten, und die Bäume waren, nach alten Fotos, schon 1920 fast “Haus hoch”. Das wollte und konnte (500kg in ca. 1 Woche) ich aber nicht auch noch alles verarbeiten, zumal Süßkirschen, das ging jahrelang alles zu einer ortsansässing kleinen aber sehr feinen Schnapsbrennerei.

    Also, vernünftig einmachen geht auch ohne “Frauenstolz”, und Ihnen beiden wünsche ich für ihr Engagement und ihre Firma viel Erfolg.

    E.N.

  2. Wir gehen mit unserem Camper nun auf Tour, der Kühlschrank funktioniert nur teilweise.
    Und da kam mit dir geniale Idee, dass ich seit gefühlten 40 Jahren (und auch oft in Benutzung) Frauenstolz noch habe
    Neugierig wollte ich wissen, ob das Gerät noch aktuell ist und bin auf den Artikel gestossen.
    Ich denke, es sollte wieder ins Bewusstsein rücken, in Bezug auf Plastikmüll. Außerdem braucht man keine ungenießbar en Lebensmittel mehr weg werfen

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